Widerstand
Lage - Traum - Tat

Gebunden, 71 Seiten
Edition Antaios, Schnellroda 2008

(vergriffen)

 

Wohl wahr: dieses Büchlein ist poetischer Ausdruck gärender Unzufriedenheit. Viel- leicht auch Ausdruck des Zorns aus Ohnmacht. Einer philosophischen Ohn- macht, die ins Politische kippt, sobald sie im Politischen ihre Ursache erkennt. Wo keine echte, sondern nur simulierte Bewegung möglich ist, bleibt Wut oft die einzige lebbare Reaktion. Darin besteht der Unterschied zwischen denjenigen, die von den Verhältnissen profitieren, weil sie Teil der politischen oder kulturellen Klasse sind, oder den Gleichgültigen, die bloß ihren »Job« machen wollen, und den anderen, den Unruhigen und Emp- findlichen, den Leidenschaftlichen, die ihren Ärger nicht einfach herunterschlucken können.

Weil ein Großteil der bundesdeutschen Intellektuellen mit der alten DDR immer sympathisiert hat, und der sogenannte »Antifaschis- mus« ihnen eine willkommene Gelegenheit bot, die eigenen tota- litären Machtgelüste auszuleben, darf der Weg in die neue, raffi-niertere »Staatssicherheit« eigentlich niemanden verwundern. Viele Vertreter der politischen und kulturellen Klasse hatten nie ein Pro- blem mit der Diktatur an sich, sondern nur mit der »falschen«. Die »bessere« DDR, von der im Westen so lang geträumt wurde und die nun endlich Gestalt annimmt, ist das Werk eines linken Spießer- tums, das nur deshalb so mächtig werden konnte, weil es in diesem Land traditionell an freiheitlichem Widerstand fehlt.

 

 

I. Die Lage

 

Da steht jemand abseits, eigenwillig unbegradigt. Ruhig, aber entschlossen steht er da. So als wisse er bereits, worauf es ankomme. So als sei das sein Platz in der Welt. Er sieht sich um, in Raum und Zeit. Beobachten schärft den Sinn für Machbares. Weitet die eigene Perspektive, klärt die Position. Er bemerkt: er ist nicht allein. Von irgendwoher kommt ein Zweiter, dann ein Dritter. Und schon entsteht ein Wir. Ein Wir, das sich in jedem Einzelnen bildet, so wie es wiederum aus lauter Einzelnen besteht.

 

Jeder von ihnen hat gelernt, in Andeutungen zu leben, oder zu schweigen, wo die Wut unerträglich wird, die ihn zum Ungeheuer macht oder krank. Freiheit –  ein verborgenes, scheues Wesen, das überall in Fallen geht, gehen muß, um es zu schützen, wie die anderen sagen, vor Mißbrauch.

 

Erkenne die Lage! Jeder muß sich darüber klar werden, was in diesem Land geht und was nicht, und warum das so ist. Sie haben die Innenwelt ausgemalt mit ihren Farben, stellte er irgendwann befremdet fest; und dann verweigerte man ihm den Eintritt, einfach so.

 

Es besteht hierzulande im Politischen ein großer Unter-schied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen der einnehmenden Seriosität mas- sentauglicher Medien und den Gesetzen und Mechanismen dahinter. Innen- und Außenwelt: wo verlaufen die Grenzen? Das Abseitige wird zum Zentrum des Selbst, wenn die Gren- zen fallen oder nicht mehr erkennbar sind. In der Doppel-deutigkeit des Wortes abseitig liegt zugleich das Unheim-liche, das schon den Keim zum Widerstand in sich birgt. Es ist ein ganz besonderer Ort, das Abseitige, auf viele wirkt er geradezu verstörend, denn von dort aus verschieben sich die Perspektiven, ändert sich der Blick auf die Dinge. Das kann einen Menschen völlig verwandeln. Und manche haben Angst davor.

  Wo Pädagogen, Politiker, Alltagsanimateure nichts mehr zu sagen haben oder uns vor dem, was sie sagen, nur noch ekelt, vertrauen wir auf Selbsterziehung, auf die eigene in- nere Stimme. Und die ruft permanent zum Widerstand auf, sobald wir mit ihr alleine sind, sich niemand in uns ein- mischt.

  Er, der aufmerksame, prüfende Beobachter, fragt indes: wie kann es sein, daß sich beispielsweise ausgerechnet die- jenigen lauthals »Demokraten« nennen und diesen Titel wie eine eingetragene Schutzmarke führen, die alles daran set- zen, daß niemand ihre Kreise störe, der seiner Mentalität, seinen Eigenschaften nach nicht zur politischen Klasse ge- hört? Die jeden, der echten Widerspruch gegen ihr erstarrtes Blockparteiensystem erhebt, als »Antidemokraten« diffa-mieren und zum Schweigen bringen. Eine Demokratie, die keine Bewegung, das heißt, keine Kritik mehr erträgt und nicht mehr zuläßt, verspielt die Loyalität der Menschen, auf der sie gründet. Was ein Al Gore in seinem Buch Angriff auf die Vernunft für die USA diagnostiziert, nämlich das Schwinden einer demokratischen Öffentlichkeit mit Diskus-sionskultur, in der ein echter Wettstreit der Ideen statt-findet, trifft doch noch mehr auf Deutschland zu. - Aller- dings wagt das hierzulande kaum jemand auszusprechen...